Bielefeld 
Czeslav Sawicki, Das Unternehmen Oetker in der Zeit des Nationalsozialismus


Entnommen aus: Provinz unterm Hakenkreuz. Diktatur und Widerstand in Ostwestfalen-Lippe, Hg. Von Wolfgang Ehmer, Uwe Horst, Helga Schuler-Jung, AJZ-Verlag Bielefeld 1984, S.153-164.

1. Einleitung
2. Richard Kaselowsky und das Unternehmen Oetker
3. Die Beziehung zwischen den NS-Machthabern und dem Unternehmen Oetker
4. Schlußbemerkung
Anmerkungen



1. Einleitung


Richard Kaselowsky Die Übernahme der Macht durch Hitler und die NSDAP in Deutschland im Jahre 1933 sowie der vom faschistischen Deutschen Reich hervorgerufene und nach über fünfjähriger Dauer verlorene Zweite Weltkrieg sind zu historischen Ereignissen geworden, deren nachhaltige Wirkung und Folgen noch jetzt gegenwärtig sind.

Ein wichtiges Problem, daß theoretische Kontroversen hervorruft, ist die Aufdeckung der Wechselwirkung zwischen den ökonomischen und politischen Faktoren, die diesen Machtwechsel verursacht bzw. ihn möglich gemacht haben. Das vorliegende, regionale Beispiel der Beziehungen zwischen dem Teilhaber des Unternehmens Oetker und der NS-Staatshierarchie kann als eine Illustration des Verhältnisses zwischen Politik und Ökonomie dienen.

Dieses im letzten Dezennium des 19. Jahrhunderts (1891-1900) gegründete Familienunternehmen, dessen rasche Expansion sich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges weitgehend abgeschwächt hatte, ist nach der Machtübernahme durch die Nazis zu seiner zweiten 'Blütezeit' gekommen.

Seit 1933 wurden die Bedingungen der kapitalistischen Tätigkeit im Unternehmen selbst sowie auch außerhalb des Unternehmens wesentlich verbessert; die Herstellung der Produkte wurde weitgehend automatisiert, der Markt dafür ständig erweitert - angefangen beim Anschluß Österreichs bis hin zur Besetzung der Niederlande, Belgiens, Dänemarks, Frankreichs, Norwegens, der Tschechoslowakei sowie Jugoslawiens, wo Oetkerprodukte schon früher eingeführt worden waren und nun konkurrenzlos wurden.

Es läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob im vorliegenden Beispiel der Krieg die Kapitalverwertung entschieden verbessert hat; sicher ist jedoch, dass für R. Kaselowsky die Kapitaldiversifikation auch in einem solch verbrecherischen Krieg, wie es der Zweite Weltkrieg war, möglich geblieben ist und nicht behindert war; davon zeugt u.a. auch die Gründung (mit anderen Partnern) einer Reederei in Hamburg am 1.1.1942 (1).

Das Unternehmen Oetker kann auch als geeignetes Beispiel - für den hiesigen Raum sogar als Symbol - verträglicher und enger Beziehungen in der Zusammenarbeit zwischen gewissen Teilen des NS-Staatsapparates und der Industrie angesehen werden, u.a. auch durch die reklameträchtige Ernennung des Unternehmens zum "Nationalsozialistischen Musterbetrieb" (2).


2. Richard Kaselowsky und das Unternehmen Oetker

Die Bestimmung und die Bewertung des Verhältnisses zwischen dem Unternehmen Oetker und dem nationalsozialistischen Staat in der Periode von 1933-1945 ist erschwert, weil die derzeit verfügbaren Quellen zu diesem Problemkreis relativ beschränkt sind. Trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit des Themas gibt es jedoch einige Anhaltspunkte, die eine vorläufige, partielle Darstellung und eine Interpretation nach soziologischen, ökonomischen und politischen Aspekten erlauben. Im wesentlichen handelt es sich um die Anhaltspunkte, die die Person des damaligen Teilhabers und gleichzeitigen Betriebsführers der Oetker-Werke, Dr. R.Kaselowsky, betreffen, insbesonders seine Haltung zur NSDAP und zu den Spitzen der Hierarchie des nationalsozialistischen Staatsapparates, sowie die Rolle, die der "Dr. Oetker-Nährmittelbetrieb" im Rahmen der reichsweiten Aktion der 'Deutschen Arbeitsfront' gespielt hat.

Vorangestellt sei ein Exkurs über die Person Dr. Richard Kaselowsky. Er wurde am 14. August 1888 als ältester Sohn des Fabrikanten Richard Kaselowsky und dessen Ehefrau Elise Pauline, geborene Delius, in Bielefeld geboren (3). Seine Ausbildung erhielt er in Bielefeld, dann in Berlin (von 1898-1902) und wiederum in Bielefeld, wo er Ostern 1907 das Abitur ablegte. Er studierte anschließend Rechtswissenschaften in Bonn, Berlin und Freiburg im Breisgau. Vom Herbst 1908 bis zum 1. Oktober 1910 absolvierte er eine Banklehre bei der Rheinisch-Westfälischen Disconto Gesellschaft in Bochum. Ab 1. Oktober 1910 diente er beim 7. Feldartillerieregiment in München. Wegen Krankheit wurde er als dauernd untauglich aus der Armee entlassen (4). Danach absolvierte er eine Ausbildung bei dem Bankhaus Delbrück, Schickler & Co. in Berlin vermutlich von 1911 bis März 1913, wo er Rudolf Oetker (Sohn des Apothekers Dr. A. A. Oetker) kennenlernte; ab April 1913 setzte er seine Ausbildung an einem Londoner Bankhaus fort (5).

Dann erfolgte ein Berufswechsel; R.Kaselowsky wurde Geflügelzüchter, gründete mit 26 Jahren (also 1914) in der Nähe von Bad Nauheim einen Mustergeflügelhof als Lehr- und Zuchtanstalt. 1916 wurde er zum Militärdienst eingezogen und zum Stellvertretenden Generalkommando des XVIII. Armee-Korps abgeordnet. Während dieser Dienstzeit studierte er an der Universität Frankfurt und promovierte dort im Juli 1919 mit seiner Dissertation "Der Rheinisch-Westfälische Kuxenmarkt" (6).

Im Jahre 1919 (am 14.8.) heiratete er die Witwe von Rudolf August Oetker (gefallen bei Verdun am 18.3.1916), Ida Oetker, geb. Meyer. Mit diesem Schritt stieg er in die Firma Oetker ein und wurde bald auch Teilhaber. Zu seinen Aufgaben gehörten die Betriebsführung, der Rohstoffeinkauf sowie die Finanz- und Vermögensverwaltung (7). Er wurde bald zur bestimmenden Person im Unternehmen.

Nachdem die Nationalsozialisten mit Hilfe von Teilen des Großkapitals die Weimarer Republik zugrundegerichtet hatten, wurde Dr. R. Kaselowsky öffentlich und politisch aktiv. Am 20.4.1933 (dem Geburtstag des 'Führers Adolf Hitler') trat er der NSDAP bei. Man kann annehmen, daß dieser Beitritt zur NSDAP und an eben diesem Tag nicht erzwungen wurde (6). Seine Verbindungen zur NSDAP mußten schon vor 1933 bestanden haben und mußten von beträchtlicher Intensität gewesen sein. Dies kann der Ansprache des Gauleiters und Reichsstatthalters des Gaues Westfalen-Nord der NSDAP Dr. Meyer zum 50-jährigen Jubiläum des Bestehens der Oetker-Werke in Bielefeld am 16.1.1941 entnommen werden. Dort führte Gauleiter Dr. Meyer folgendes aus: "Es gab eine Zeit, da es nicht populär und auch nicht zweckdienlich war, sich zur Partei (der NSDAP - C.S.) zu bekennen. Damals schon tat es Euer Betriebsführer, ... in den Zeiten, als die Partei in schweren Kämpfen stand. Dafür möchte ich ihm heute noch herzlich danken für diesen Bekenntnismut zum Führer und zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei". (9) R. Kaselowsky hat nach den Auffassungen der damaligen Chronisten eine wichtige Rolle bei der Begründung, der Festigung und der Entwicklung des NS-eigenen Zeitungswesens im nordöstlichen Westfalen gespielt. Am 14.8.1935 fusionierten das "NS-Volksblatt" und die "Westfälischen Neuesten Nachrichten", die im Verlagshaus der E.Gundlach AG herausgegeben wurden. Bei dieser Fusion spielten Dr. R. Kaselowsky als Verleger der WNN sowie Teilhaber und Aufsichtsrat (1926-1940) der Gundlach AG und der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, eine wichtige Rolle.

Dr. A. Schröder, der damalige Gaupresseamtsleiter, beschrieb die Haltung von Dr. R. Kaselowsky in dieser Angelegenheit mit folgenden Worten: "Dank dem Verständnis und dem selbstlosen Entgegenkommen des Parteigenossen Dr. Richard Kaselowsky kam es zu der von Gauleiter Dr. Meyer erstrebten Vereinigung der 'Westfälischen Neuesten Nachrichten' mit dem 'NS-Volksblatt' und damit zur Gründung eines auch wirtschaftlich stark fundierten Gauorgans für das östliche Westfalen" (10). In ähnlicher Weise äußerte sich der Gauleiter und Reichsstatthalter Dr.Meyer: "Sie werden jederzeit, Pg. Dr. Kaselowsky, stolz sein können auf die Tat, die sie getan haben. Sie haben sich damals mit einer jungen nationalistischen Zeitung verbunden, Schulter an Schulter mit uns, diese Zeitung zu einer beachtlichen Höhe gebracht, und Sie haben dann, ... Ihren Anteil an dieser Zeitung zur Verfügung gestellt. Das verknüpft Sie mit dem Schicksal der Partei. Wenn heute hier im Minden- Ravensberger Land die Partei über dieses große, stolze, schöne Organ, die Westfälischen Neuesten Nachrichten, verfügen kann, dann dankt sie es in erster Linie Ihnen, Pg. Dr.Kaselowsky. Wir haben unseren Dank schon dadurch zum Ausdruck bringen wollen und auch können, daß wir den Pg. Dr.Kaselowsky als den Betriebsführer im Gau Westfalen-Nord dem Führer als Ehrengast für die großen jährlichen, in Nürnberg stattfindenden Parteitage vorgeschlagen haben." (11)

Die aktive Haltung von Kaselowsky gegenüber der NSDAP erschöpfte sich nicht nur in der Förderung der NS-Presse in er wurde auch mit einigen öffentlichen Ä;mtern dieser Region, "betraut" bzw. war bereit, solche Ämter im Dritten Reich anzunehmen und (für eine gewisse Zeit) zu bekleiden. Am 4.9.1935 (mit Wirkung vom 18.5.1935) wurde Kaselowsky, zusammen mit 24 weiteren Bielefelder Bürgern vom Beauftragten der NSDAP nach 51 der Deutschen Gemeindeordnung zum Ratsherren (für die gesetzliche Amtsdauer von 6 Jahren) berufen. Die Ratsherren wurden am 18.10.1935 unter Aushändigung ihrer Anstellungsurkunde als Ehrenbeamte von Oberbürgermeister Budde feierlich in ihr Amt eingeführt und vereidigt (12).

Darüberhinaus bekleidete er einige Ämter innerhalb des Organisationsgefüges der regionalen Wirtschaft: 1933 wurde er Vorstandsmitglied der Industrie- und Handelskammer, vom 18.Juli 1942 bis 15.Mai 1943 war er ihr Präsident. Dieses Amt ist danach auch der Familie Kaselowsky erhalten geblieben, denn vom 15.5.1943 bis April 1945 (also dem Ende des 'Tausendjährigen Reiches' in Bielefeld) war Dr. Theo Kaselowsky, ein jüngerer Bruder von Dr. R. Kaselowsky, Präsident der Handelskammer Bielefeld (13). Davor, zumindest aber seit 1937, war R. Kaselowsky ständiges Mitglied der Arbeitskammer Westfalen-Nord, zusammen mit Otto Krüger, Betriebsobmann der Bielefelder Werke des Unternehmens Oetker (14). Schließlich ist Dr. R .Kaselowsky Mitglied des "Freundeskreises des Reichsführers der SS- und des Polizeiführers Heinrich Himmler" gewesen (15).

Die Mitgliedschaft Kaselowskys in diesem "Freundeskreis" stellt einen der dunkelsten Punkte in der Geschichte des Unternehmens Oetker dar. Der genannte Freundeskreis war Gegenstand einiger Analysen und Untersuchungen (16); deren Verfasser kommen dabei, je nach wissenschaftlichem Standort, zu verschiedenen Ergebnissen. Dies betrifft vor allem das Problem der persönlichen Verantwortung der zivilen Mitglieder des "Freundeskreises", vornehmlich der hohen Vertreter der Industrie und der Banken für die Verbrechen, die die Organisation und Verbände der SS begangen haben. Es steht dabei außer Zweifel, daß der "Freundeskreis" auch für den Massenmörder H. Himmler keine Organisation, geschweige denn ein unmittelbares Instrument war, mit dem man Völkermord und planmäßige Tötungen organisieren konnte. Es steht auch außer Zweifel, daß einige hohe Chargen der 55, die ebenfalls zum '"Freundeskreis" gehörten, persönlich Massenmord organisiert haben und zu verantworten hatten, wie z.B. der von einem alliierten Gericht zum Tode verurteilte SS-Brigadeführer Otto Ohlendorf. Er war zeitweilig auch Chef der Einsatzgruppe D, deren Aufgabe darin bestand, die Vernichtung der Bevölkerung in den durch die faschistische Wehrmacht eroberten Gebieten durchzuführen (17).

Unabhängig davon, welche persönlichen Motive den Beitritt R. Kaselowskys zum "Freundeskreis" geleitet haben konnten, läßt sich eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, daß nämlich alle seine Handlungen, angefangen bei der Unterstützung der Nazis bis zu seinem Beitritt in die Partei sowie die Bekleidung der Ämter innerhalb der regionalen Organisation der Wirtschaft, seinen Überzeugungen entsprochen haben und in seinem Interesse gewesen sein mußten. Es läßt sich nicht eindeutig feststellen, wie die Dienste für die NSDAP später durch die Partei belohnt wurden. Ausgeschlossen ist dies nicht, zumal nach der Annektierung Österreichs im Jahre 1938 die E. Gundlach AG "Zeitschriften aus nicht arischer Hand im Gebiet der Ostmark" hinzukaufen konnte (18). So ist auch nachweisbar, daß sein jüngerer Bruder, Dr. Theo Kaselowsky, sich in ähnlicher Weise dem System und seiner Hierarchie zur Verfügung gestellt hat. Er ist am 1.5.1933 der NSDAP beigetreten, war zumindest seit 1937 Kreiswirtschaftsberater der NSDAP für Bielefeld Stadt sowie der letzte Präsident der Handelskammer Bielefeld während der Nazi-Herrschaft. Dr. Theo Kaselowsky war Prokurist der Firma Wittkop & Co., die nachweislich Zwangsarbeiter beschäftigt hat (19). Dr. R. Kaselowsky selbst hat das Ende des zwölf Jahre währenden 'Tausendjährigen Reiches' nicht mehr erleben können. Er und ein Teil seiner engsten Familie ist während einer Bombardierung Bielefelds durch englische Flugzeuge am 30.9.1944 ums Leben gekommen. So ist die große Ursache, von der R. Kaselowsky selbst ein Teil war, mit zerstörerischer Gewalt auf ihren Entstehungspunkt zurückgekehrt und brachte Kaselowsky den Tod, den vor ihm Millionen unschuldiger Menschen im nazibeherrschten Europa erleiden mußten.

3. Die Beziehung zwischen den NS-Machthabern und dem Unternehmen Oetker

Ein weiterer Aspekt, in dem sich die Beziehungen zwischen den NS-Machthabern und dem Unternehmen Oetker manifestierten, war die Rolle, die das Unternehmen Oetker im Zusammenhang mit den Aktionen der 'Deutschen Arbeitsfront' (DAF) gespielt hat. Dazu einige, zum Teil bekannte Fakten: Am 30.4.1937, während einer besonderen Tagung der Reichsarbeitskammer in Berlin, war den ersten 30 Betrieben die Auszeichnung "Nationalsozialistischer Musterbetrieb" verliehen worden. Diese Auszeichnung ist an den Vertretern dieser Betriebe (den Betriebsführern und den Betriebsobleuten der DAF) von A.Hitler persönlich vorgenommen worden, "Nach Abschluß der feierlichen Sitzung der Reichsarbeitskammer begab sich der Führer zu den versammelten Betriebsführern und Betriebsobleuten und überreichte ihnen die für 'Nationalsozialistische Musterbetriebe' bestimmten Fahnen der DAF mit goldenen Fransen und goldenen DAF-Abzeichen" (20). Die Vergabe dieser Auszeichnung sollte jährlich einen reichsweiten Leistungswettkampf der deutschen Betriebe krönen, der von der DAF unter der Führung von Dr. Ley organisiert worden war.

Tatsächlich ist es für das Unternehmen Oetker nicht nur bei dieser Auszeichnung geblieben. Im Jahre 1938 bekam das Unternehmen in Bielefeld noch einmal ein Leistungsabzeichen für die vorbildliche Föderung der Einrichtung "Kraft durch Freude". Im folgenden Jahr erhielten zwei weitere Betriebe des Unternehmpns Detker Gaudiplome der DAF für "hervorragende(n) Leistungen"; es waren die Betriebe Dr. August Oetker Danzig-Cliva (Gdansk-Oliwa) und Dr.August Detker Hamburg-Altona( 21).

Zwischen diesen Auszeichnungen, die - nebenbei bemerkt - eine Art kostenlose Werbung für Oetker im ganzen damaligen Deutschen Reich waren, und den Interessen der DAF bestehen Zusammenhänge: Sie zielten darauf ab, die soziale Lage in Deutschland nach der Zerstörung der Parteien und der Gewerkschaften durch verschiedene Maßnahmen befrieden und stabilisieren zu helfen und damit die noch vorhandenen Strömungen des Widerstandes einzudämmen. "Der Reichsbetriebsappell stellt in der umfassendsten Weise die Verbindung zwischen den Betriebsführern und den Gefolgschaftsangehörigen der der Reichsbetriebsgemeinschaft angeschlossenen Betriebe dar, mit dem Zweck, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und uns aufs neue zu unseren Aufgaben zu bekennen" (22).

Eines der wohl wichtigsten Ziele war die Zurückdrängung und Bekämpfung der klassenspezifischen Solidarität der Arbeiter und ihr Ersatz durch die Parole der Betriebsgemeinschaft; die soziale Tatsache der Klassenunterschiede und der unterschiedlichen Interessen sollte durch die Praktizierung des Klassensolidarismus und des vermeintlichen gemeinsamen Interesses ersetzt werden. Solche Absichten gipfelten in der Forderung der Verdrängung des Klassenbewußtseins durch ein "stolzes Leistungsbewußtsein" (23). Die Aktionen der DAF, darunter solche wie der genannte "Leistungswettkampf" mit seinen Auszeichnungen als "Nationalsozialistischer Musterbetrieb", gehörten zur Propaganda eines betrügerischen Klassensolidarismus gegenüber den Arbeitermassen und konnten durchgeführt werden, nachdem der soziale Besitzstand und die Rolle der Unternehmer in der nationalsozialistischen Gesetzgebung abgesichert worden waren. Bezeichnenderweise wurde zuerst das "Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" erlassen, in dem das Führer- und Gefolgschaftsprinzip im Betrieb installiert worden war, und erst danach das Gesetz über die Deutsche Arbeitsfront. Diese Intention des alle sozialen Interessen und Gegensätze verwischenden Solidarismus wird in einer Verfügung Hitlers deutlich zum Ausdruck gebracht, in der formuliert wird: "Betrieben, in denen der Gedanke der nationalsozialistischen Betriebsgemeinschaft im Sinne des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit und im Geist der Deutschen Arbeitsfront vom Führer des Betriebes und seiner Gefolgschaft auf das vollkommenste verwirklicht ist, kann die Auszeichnung 'Nationalsozialistischer Musterbetrieb' verliehen werden" (24).

Solche Intentionen und Absichten ließen sich umso leichter realisieren, je mehr die industrielle Sparte und der spezifische Charakter des Betriebes bestimmte Voraussetzungen in den gewünschten Richtungen aufweisen konnten. Bei dem Unternehmen Oetker waren solche Bedingungen aufgrund des technologischen Prozesses in hohem Maße vorhanden - vor allem die unerläßliche Sauberkeit (auch des Personals) und die Helligkeit der Fabrikräume sowie die sehr weit vorangeschrittene Mechanisierung des Arbeitsprozesses.

Diese technologischen und organisatorischen Bedingungen entsprachen durchaus der Spezifik und den Notwendigkeiten der unternehmerischen Kapitalverwertung in der gesamten Lebensmittelindustrie, ohne daß man es mit Aggregaten ohne Menschen zu tun hatte, und sind kaum auf die nationalsozialistische, geschweige denn soziale Gesinnung bzw. Einstellung des Unternehmens respektive seiner Teilhaber zurückzuführen. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, daß der Anteil der Betriebe mit "sauberer" Produktionstechnologie unter den "Nationalsozialistischen Musterbetrieben" überwiegt. Für einen Teil der sogenannten Sozialeinrichtungen (z.B. Bäder) galten dieselben Notwendigkeiten wie im technologischen Prozeß, andere waren ohnehin steuerlich begünstigt. Hilfreich war auch die für die Großunternehmer unzeitgemäße, aber für die kleinen und mittleren Familienbetriebe praktizierte Form des 'patriarchalischen Kapitalismus', die sich in der Herstellung quasi persönlicher Beziehungen zwischen dem Kapitalisten und 'seinen' Arbeitern äußerte. Sie diente, bei einer vorwiegend aus Frauen bestehenden Belegschaft, als Instrument einer innerbetrieblichen Konfliktvermeidungsstrategie.


4. Schlußbemerkung

Das Zusammenwirken des Unternehmens 'Oetker' unter der Leitung von Dr. R. Kaselowsky mit den zentralen Stellen des faschistischen Staates, insbesondere der DAF dürfte für beide Seiten ein 'einträgliches Geschäft' gewesen sein - auch wenn es sich bei dem Gewinn nicht immer um klingende Münze gehandelt hat. Das Unternehmen, dessen wichtigste Produkte dem subjektiven Bewußtsein des Publikums ständig aufs neue in die Erinnerung gerufen werden mußten, bekam durch das Galatheater der Betriebsappelle und -feiern mit zahlreicher NSProminenz eine wirksame und kostenlose Werbung.

Die nationalsozialistische Befriedungspolitik der Arbeiterklasse und die staatliche Propaganda konnten am Beispiel solcher Unternehmen wie 'Oetker' mit einer gewissen Berechtigung auf die Erfolge der Konzeption des nationalen Solidarismus hinweisen, sowohl gegenüber dem deutschen Volk als auch im Ausland. In der Phase der Aufrüstung und der Kriegsvorbereitung hatten solche Bilder einen bestimmten politischen Wert, da sie von der Einheit der Gesellschaft zeugen konnten. Die (be)trügerische Parole 'Ein Volk-Ein Reich-Ein Führer' schien in einer solchen Inszenierung glaubhaft zu sein.

Die Zeit des Ill. Reiches ist sowohl für die Geschichte des Unternehmens als auch für die Lebensgeschichte des Teilhabers Dr. R. Kaselowsky und einiger Mitglieder der OetkerFamilie eine Aufstiegs- und Erfolgsphase gewesen - zumindest so lange sich das III. Reich in seiner Expansion befand.

Die Zerstörung der Naziherrschaft schränkte den Aktionsradius der Kapitalverwertung ein, führte zur Umschichtung der inneren Besitzverhältnisse im Unternehmen und zwang auch zur Entlassung von einigen Nazis. Die Produktionsmittel, soweit sie auf dem Territorium der späteren Bundesrepublik Deutschland lagen, blieben jedoch im Privatbesitz der Familie Oetker. Auf der Welle der Restauration der 50-iger Jahre gelang es ihr sogar, ihre Position wieder ökonomisch auszubauen.



Anmerkungen

1) Vgl. C.SAWICKI, Die Oetker-Gruppe. Soziale, ökonomische und politische Aspekte der Entstehung des Unternehmens Oetker von der Gründung bis zum Jahre 1945, Forschungsbericht, Uni Bielefeld, Bielefeld 1981, S.121 ff.

2) Vgl. H. HARTWIG, Das Buch der Gefolgschaft, Bielefeld o.J. (um 1941), S.24

3 )SAWICKI, S.26

4) HARTW1G, 5.231; Jahresverzeichnis der an den deutschen Universitäten und technischen Hochschulen erschienenen Schriften, Bd. XXXVIII/1, 1922 (ND1970), S.199

5) HARTWIG, S.231

6) HARTWIG, S.231; Jahresverzeichnis a.a.0.

7) HARTWIG, S.232

8) Fragebogen. Nachweis der arischen Abstammung des Beamten (23. Jan. 1935), StadtA Bielefeld Hauptamt 55

9) HARTWIG, S.281

10) A.SCHRÖDER, Mit der Partei vorwärts. Zehn Jahre Gau Westfalen-Nord, Detmold 1940, S.92; zur Rolle Kaselowskys bei Gundlach vgl R. VOGELSANG u.a., Im Zeichen des Hakenkreuzes, Bielefeld 1933.1945, Bielefeld 1983, 5.139

11) HARTWIG, S.282

12) Verwaltungsbericht der Stadt Bielefeld für das Jahr 1935, Bielefeld 1936, StadtA Bielefeld Hauptamt 55

13) Vgl. 0. SARTORIUS, 100 Jahre Handelskammer Bielefeld, Bielefeld 1949, 5.86; H.TESCHEMACHER, Handbuch des Aufbaus der gewerblichen Wirtschaft, Bd. 1lI, Leipzig 1937, S.161

14) WNN 8.7.1937

15) Vgl. H.HÖHNE, Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, Gütersloh o.J.

16) Vgl. z.B. R.VOGELSANG, Der Freundeskreis Himmler, Göttingen 1972, vgl. auch H.HÖHNE; in beiden werden weitere Untersuchungen genannt.

17) H. KRAUSNICK/H. H. WILHELM, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Stuttgart 1981, S.676; H.HÖHNE, S.536

18) Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, Jahrgang 44/ Bd. 6, Berlin 1939, 5.7217 und 7229; G.WENZEL, Deutsche Wirtschaftsführer. Lebensgänge deutscher Wirtschaftspersönlichkeiten, Hamburg 1929, S .1086

19) Personalakten, Document Center Berlin; WNN Nr.25, 1937; 0. SARTORIUS, S. 80

20) WNN 1.5.1937; H.HARTWIG; W. BUHROW, Handbuch zum Leistungskampf der deutschen Betriebe, Nahrung und Genuß, Berlin 1940, S.148

21) BUHROW, S.174 und 148

22) Deutsche Lebensmittel-Rundschau Nr.11/1037

23) H.BIALLAS (Hrsg.), unter Mitarbeit von Dr. T. HUPFAUER, Die Nationalsozialistischen Musterbetriebe 1937/38 Bd. I, Bayreuth, S.9

24) 0.MÜLLER, Das soziale Leben im neueren Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Deutschen Arbeitsfront, Berlin 1938, S.103 und 109

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