Atomkraft ist keine Alternative! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Carsten Strauch   
Freitag, den 07. November 2008 um 18:10 Uhr

DIE LINKE sprach mit Dr. Angelika Claussen, Bielefelder Ärztin und Vorsitzende der “IPPNW - Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. Die IPPNW erhielt 1985 den Friedensnobelpreis.

Der Preis wurde für die sachkundige und wichtige Informationsarbeit“ die das Bewusstsein über die „katastrophalen Folgen eines Nuklearkrieges“ in der Bevölkerung erhöhte, verliehen.


Atombefürworter aus Politik und Wirtschaft fordern aufgrund steigender Energiepreise und aus vermeintlichen Umweltschutzgründen eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Im Sommer forderte auch Friedhelm Rieke, Geschäftsführer der Stadtwerke Bielefeld, über die Verlängerung der Laufzeit des Atomkraftwerkes Grohnde an der Weser, an dem die Stadtwerke Bielefeld und damit auch die Stadt Bielefeld, beteiligt sind, nachzudenken.

 

Sind die Energiepreise und der Klimaschutz denn die wirklichen Motive?

 

Angelika Claussen: In der aktuellen Diskussion geht es meines Erachtens ausschließlich um die Frage, wer denn den lukrativen Energiemarkt kontrolliert: Große Energieversorger wie RWE und EON oder Millionen von Bürgern, die sich an Solarkraftanlagen und an Windkraftanlagen beteiligen. Alles andere sind vorgeschobene Argumente.
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen macht das deutlich: -Atomkraft trägt weltweit nur zwei bis drei Prozent zur Gesamtenergie bei, das ist noch weniger als die Wasserkraft. Um diesen Anteil auf nur 10 % zu erhöhen, müssten zusätzlich 1000 Atomkraftwerke in Betrieb sein. Heute befinden sich weltweit nur 436 AKW’s in Betrieb, Tendenz sinkend.
Die Potenziale der Erneuerbaren werden u. E. unterschätzt. Im Endenergieverbrauch lagen die Erneuerbaren (6,4%) schon 2005 erstmalig vor der Atomenergie(5,7%).
Der Bund Erneuerbare Energien hat errechnet, dass im Jahre 2023, also 2 Jahre nach dem Abschalten aller AKW’s in Deutschland Erneuerbare Energien den Atomstrom spielend ersetzen können. Die Rechnung geht folgendermaßen: Es sind ca. 217 TW Stunden Strom zu erzeugen. 2005 lag die Relation 62 TW EE zu 155 TW Atomstrom. Bei gleicher Ausbaugeschwindigkeit der EE sind 217 Terrawatt/stunden spielend zu schaffen.

 


Die Gefahr, die von AKW´s ausgehen, scheint keine Rolle mehr zu spielen. Sind die Atomkraftwerke denn auf einmal sicherer geworden?


Angelika Claussen: Atomkraft ist eine nicht zu beherrschenden Form der Energiegewinnung, angefangen vom Uranabbau, der Gefahr des Supergaus über den Normalbetrieb bis hin zur Endlagerung. Thüringen und Sachsen wurde zwischen 1946 und 1989 Uran abgebaut. Die deutsche Uranbergarbeiterstudie ergab, dass das Lungenkrebsrisiko bei Bergarbeitern um das Doppelte gegenüber der Normalbevölkerung erhöht ist. Bei über 7000 Bergleuten ist diese „Berufskrankheit anerkannt worden. Die neue Kinderkrebsstudie des Mainzer Kinderkrebsregisters ergab: Je näher ein Kinder an einem AKW wohnt, desto größer ist das Risiko, an Leukämie oder Krebs zu erkranken. Dabei ist die Krebsrate um 60% und die Leukämierate um 120 % erhöht. Auch wenn über die genauen Mechanismen noch wissenschaftlich gestritten wird, so ist eines durch die im Zusammenhang mit der Studie erhobenen Fakten eines klar geworden: Atomkraftwerke verursachen Krebs, auch im Normalbetrieb!

 

Wie steht es um die Sicherheit der AKW’s und welche zusätzlichen Gefahren gehen konkret von einer Laufzeitverlängerung aus?

 

Angelika Claussen: Was die Sicherheit der deutschten Atomkraftwerke betrifft, so hat die IPPNW in einer umfangreichen Studie, die lediglich auf offiziellen Dokumenten des TÜV und der Gesellschaft für Reaktorsicherheit beruht, im AKW Biblis B über 150 schwerwiegende Sicherheitsmängel dokumentiert. Biblis gehört zu den ältesten Kraftwerken in Deutschland und ist ein Siedewasserreaktor mit nachteiligem Stahlcontainment.
Eine Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) sieht zudem bei den älteren deutschen Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 (900 Megawatt-Klasse) erhebliche Sicherheitsprobleme. Referenzanlage einer Untersuchung war das Atomkraftwerk Philippsburg-1. Das Kraftwerk ist mit einer Kondensationskammer und - wie die meisten anderen deutschen Anlagen - mit einem sicherheitstechnisch nachteiligen Sicherheitsbehälter (Containment) aus Stahl ausgestattet. Zur Baulinie 69 gehören weiterhin die Siedewasserreaktoren Isar-1, Brunsbüttel (geringere Leistung als Philippsburg-1) und Krümmel (höhere Leistung).

 

Das Problem der Endlagerung ist für die Atomlobby ebenfalls kein Hinderungsgrund. Gibt es denn ein sicheres Endlager für den Atommüll?

 

Angelika Claussen: Ein Atomkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 1300 Megawatt produziert jährlich rund 30 Tonnen und in 40 Jahren etwa 1200 Tonnen hochradioaktiven Abfall
Dieser Atommüll strahlt und gefährdet Menschen für Hunderttausende von Jahren.
Schon jetzt sitzt die Menschheit auf rund 300.000 Tonnen radioaktivem Müll – einer tickenden Zeitbombe - und es gibt immer noch kein einziges Endlager. Nicht einmal ein Kg Atommüll wurde bisher in ein Endlager verbracht. Und Vorfälle wie vor einigen Wochen im Forschungsbergwerk Asse zeigen, dass wir die Gefahren durch Kernenergie einfach nicht in den Griff bekommen.

 

Die Kernkraft ist angeblich eine kostengünstige Alternative. Stimmt das?

 


Angelika Claussen: Eine Kilowattstunde Atomstrom ca. 2,65 Cent kostet – die gleiche Menge Strom aus Steinkohle oder Gaskraftwerken dagegen rund das Doppelte. Allerdings wird Atomstrom – vor allem aus bereits abgeschriebenen Meilern – wird zwar billiger produziert, doch die Verbraucher bekommen davon nichts mit, weil die Strompreise sich nach dem Marktpreis an der Strombörse richten. Die Gewinne fahren allein die großen Energiekonzerne ein. Außerdem gehen in die Berechnung der Atomstrom-Preise weder die Kosten durch Störfälle als auch die für Maßnahmen zur Abwehr terroristischer Angriffe ein.
Atomkraftwerke sind im Gegensatz zu unschädlichen Solarkraftanlagen mit 0,5 Milliarden Euro völlig unterversichert, die Summe würde lediglich 0,1% des Schadens von 5500 Milliarden Euro decken.

 


Sind Atomkraftwerke denn tatsächlich nicht Klimaschädlich?

 


Angelika Claussen: Atomkraftwerke emittieren 33 gr. CO 2/kwh (Ökoinstitut Freiburg), Andere Forscher gehen von von 84 – 122 gr. CO2/kwH aus, abhängig vom Mix des verwendeten Uranerzes. Das entspricht einer gasgetriebenen KWK-anlage, jedoch ohne Ausnutzung der Wärmeenergie.
Der IPPNW fordert die im Rat vertretenen Bielefelder Parteien auf, bei der zukünftigen Energieplanung auf Atomkraft und Kohle zu verzichten. Selbst „Alt“-Grüne wie Joschka Fischer bezweifeln den gleichzeitigen Ausstieg aus der Atomkraft und Kohleverstromung.

 

Wird es zu einer Stromlücke kommen?

 

Angelika Claussen: Die Deutsche Energieagentur (Dena) hatte im März behauptet, Deutschland drohe im Jahr 2020 eine Stromlücke von 12.000 Megawatt. Das entspräche der Leistung von 15 Großkraftwerken. Nach der neuen Greenpeace-Studie ist dagegen mit einer Überkapazität von etwa 12 Großkraftwerken zu rechnen. Auch die Bundesregierung und das Umweltbundesamt hatten der Stromlückenpropaganda der Dena widersprochen.
Ich möchte auf das Konzept der 2000 – Watt Gesellschaft hinweisen, ein Konzept, das an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich entwickelt wurde. Der durchschnittliche Europäer verbraucht zurzeit 6000 Watt pro Person und pro Stunde. Ein Drittel wird für Energie und Licht, ein Drittel für die Erzeugung von Gütern und Nahrungsmitteln und ein Drittel für Mobilität verwandt. Menschen in Entwicklungsländern benutzen nur 500 Watt /Stunde und pro Person. Dies ist eine Vision, die in der nahen bis mittleren Zukunft umsetzbar ist. Ein Viertel darf aus fossilen Energien verbraucht werden, drei Viertel aus Erneuerbaren Energien.
Ein Vorschlag dazu, der aus dem Klimabündnis stammt: Die Umweltdezernentin veranstaltet eine Jährlich stattfindende 2 tägige Konferenz, wo in Arbeitsgruppen konkrete Ziele abgesprochen werden, die überprüft werden. Zur ersten Konferenz sollte ein Vertreter aus der ETH Zürich eingeladen werden, die vorstellt, wie das Projekt bisher in Zürich umgesetzt wurde.

 

Ist trotz aller Widerstände eine Energiewende durchsetzbar?

 

Angelika Claussen: Ich glaube, dass zur Umsetzung die Bürgerinnen auf die Politik und die Politik auf die Bürgerinnen angewiesen sind. Ich bin davon überzeugt, dass eine solche zielgerichtete gemeinsame Anstrengung für die Erneuerbaren Energien Arbeitsplätze und regionale Wirtschaftskraft wieder beleben kann.


Vielen Dank für das Gespräch!

Presserklärung zum Atomkraftwerk Grohnde

Chaos um Asse - Atomausstieg beschleunigen

 

 

Das Interview mit Angelika Claussen führte Carsten Stauch / AK Energie & Umwelt – Die LINKE.Bielefeld