Interview mit Integrationslehrerinnen PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 23. Februar 2016 um 19:45 Uhr

Sprachkurse zu Armutslöhnen


integrationsbildvonsebastian a. rogowskiDas gute Erlernen der deutschen Sprache ist der entscheidende Schlüssel zur Integration von Migranten und Flüchtlingen. Das Motto „Qualität hat ihren Preis“ trifft allerdings nicht auf die Bezahlung der Integrationslehrkräfte zu.

Deshalb sind im November 2015 rund 200 Lehrer*Innen aus Ostwestfalen einem Streikaufruf der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gefolgt.

Carsten Strauch, Kreissprecher DIE LINKE, sprach mit Vertreterinnen vom Arbeitskreis Freiberufler in der GEW Bielefeld.

Von einer Entlohnung von 23,00 Euro pro Stunde können viele Arbeitnehmer doch träumen, warum redet ihr von Armutslöhnen?
Wir sind keine Arbeitnehmer sondern gelten als Selbständige. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zahlt derzeit pro Kursteilnehmer den Betrag von 3,10 € an die Kursträger. Diese müssen davon Honorare, Raummiete und Verwaltungskosten finanzieren. Unser Honorar bezieht sich auf die reine Unterrichtstätigkeit. Notwendige andere Tätigkeiten, wie Korrekturen, Vor- und Nachbereitung u.v.m. werden nicht bezahlt.

 

Außerdem müssen wir die Sozialabgaben zu 100 % selbst tragen und bei Krankheit; Urlaub und Unterrichtsausfall werden die Honorare nicht weitergezahlt. So bleiben für eine Arbeitsbelastung, die mit einem Berufsschullehrer/in vergleichbar ist, Netto ca. 1000 bis 1100 Euro übrig. Berufschullehrer hingegen verdienen mindestens das Doppelte.

 

Die Träger der Kurse sparen durch die Honorarverträge mit Selbständigen die Sozialabgaben. Handelt es sich hier nicht teilweise auch um Scheinselbständigkeit?
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Das ist ein schwieriges Thema. Wer tatsächlich selbstständig arbeitet, trägt das unternehmerische Risiko in vollem Umfang selbst und kann seine Arbeitszeit frei gestalten. Zu den Merkmalen von Scheinselb-ständigkeit gehören u.a. die Verpflichtung, bestimmte Arbeitszeiten einzuhalten, oder die Verpflichtung, in den Räumen des Auftraggebers oder an von ihm bestimmten Orten zu arbeiten. Das trifft auf uns zu, in diesem Sinne liegt tatsächlich Scheinselbständigkeit vor. Allerdings haben Gerichte bei Einzelfallent-scheidungen mehrfach anders entschieden. 





Neben einer ausreichenden Bezahlung habt ihr weitere Forderungen aufgestellt, welche?

Wir fordern mehr Festanstellungen und Tarifverträge. Für Honorarkräfte fordern wir einen Tarifvertrag mit sozialer Absicherung, wodurch Krankheit oder Urlaub aufgefangen werden können. Dafür müssen die Träger ausreichend finanziell ausgestattet werden. Außerdem fordern wir die Öffnung der Künstlersozialversicherung für die Selbstständigen in der Bildung, denn andere Selbständige aus den Bereichen Publizistik und Medien werden nur auf der Basis des tatsächlichen Einkommens versichert.


Die Integration von Flüchtlingen ist doch zurzeit das Thema Nr.1. Werden der Umfang und die finanzielle Ausstattung der Kurse dem Anspruch nach einer Integration überhaupt gerecht? Was müsste sich ggf. ändern?

integrationsstreik2Die Kurse sind zu groß und zu heterogen, was das Lerntempo und das Bildungsniveau betrifft. Außer-dem gibt zu wenig Kurse für fortgeschrittene Lerner, die auf Beruf und Studium vorbereiten.
Im Herbst letzten Jahres hat die Bundesregierung 100 Millionen Euro in die Hand genommen, um neben Integrationskursen sogenannte Flüchtlingskurse zu finanzieren, das heisst. dass bestimmte Personen, die noch keine anerkannten Flüchtlinge oder Asylbewerber sind, Anspruch auf einen Basis-Sprachkurs haben. Die Teilnehmerpauschale in diesen Kursen beträgt ca. 4,40 Euro, das Mindesthonorar für die Lehrkräfte wurde ausgesetzt und die Lehrkräfte müssen praktisch keinerlei Qualifikation mehr vorweisen!

 

Der faktische Druck der vielen Flüchtlinge hat also dazu geführt, jegliche Frage der Qualitätssicherung einzustampfen. Wir werden in nächster Zukunft sehen, was dabei rauskommt. Eine Konsequenz hat diese Vorgehens-weise. Viele der erfahrenen und gut ausgebildeten Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache drehen dem Bereich Integrationskurse den Rücken zu und viele von denen, die bleiben, unterrichten nur noch so viel, wie sie unbedingt müssen. Viele von uns hätten noch Kapazitäten, unsere Motivation ist nur dermaßen im Keller – wie sie es noch nie vorher war.



Was habt ihr bis jetzt mit Eurem Protest erreicht?
Das BAMF hat kurze Zeit später die Träger angehalten, das Mindesthonorar um 3 Euro zu erhöhen. Zu-dem haben sich z.B. in Hannover andere Lehrer zusammengeschlossen, um Proteste zu organisieren. Einige Träger vor Ort unterstützen uns. Allerdings würden wir uns von deren Seite noch mehr Unterstützung wünschen.



Zur Kundgebung im November konnte gut mobilisiert werden. Wie wollt ihr weiter Druck machen und Öffentlichkeit herstellen?

Als nächstes steht die Demo in Düsseldorf an:

 

ES REICHT – 16 Cent mehr und 23 Euro/UE Mindesthonorar sind ein Schlag ins Gesicht und eine Missachtung unserer Arbeit! Die 3. Demonstration der DaF-/DaZ-Lehrkräfte NRW nach Bonn und Köln findet nun in Düsseldorf statt und zwar am:

Mittwoch, 9. März 2016 - Beginn: 11 Uhr Treffpunkt und Auftakt: BAMF-Düsseldorf, Erkrather-Str. 349

 

Hier: Infos zur Demo

 

oberstes Bild von A. Rogowski - alle Bilder von Demo in Bielefeld im November 2015 - unten: Barbara Schmidt, DIE LINKE, spricht auf Kundgebung.



DIE LINKE Bielefeld erklärt sich mit den Forderungen der IntegrationslehrerInnen solidarisch und fordert ein Mindesthonorar von 60,00 Euro für Freiberufler